Medizinreise ins Tal der Elche

4. Januar 2014 Allgemein | Kanada
Indian Summer in Kanada - Yukon

Indian Summer in Kanada – Yukon

Hier ist der Herbst voll eingezogen, der Indian Summer hat gerade Hochzeit. Die Bäume leuchten in den wunderbarsten Gelb-, Orange- und Rottönen. Die meisten Zugvögel sind abgewandert, überall gibt es Beeren in Massen und die meisten Tiere sind vor lauter Fett kugelrund. Auf 1000 Meter liegt schon Schnee und es dauert sicherlich nicht mehr lange und der erste Schnee liegt auch hier im Ort.

Es ist ein wahres Wunder so viel Zeit für mich zu haben. Hinzuschauen wo ich herkomme, wo ich stehe, wo ich mit mir noch nicht ganz im Frieden bin, Dinge zu integrieren und einfach das Leben

Ralph Müller auf Medizinreise in den kanadischen Bergen

Ralph Müller auf Medizinreise in den kanadischen Bergen

genießen!

Nachdem ich nun im Juni auf Visionssuche war, bin ich zur Wintersonnwende auf eine Medizinwanderung gegangen. Das wilde Land mit ihren mächtigen Tieren und vielen Herausforderungen haben mich gezogen und gerufen. Na Alter, wie sieht es aus, wagst du den nächsten Schritt? 5 Tagen querfeldein durch den kanadischen Busch, ins Tal der Elche?

Es kribbelte in mir. Ich wollte die mächtigen Elche bei der Brunft beobachten und fotografieren. Ich wollte wissen, wie es ist alleine in den Bergen unterwegs zu sein, ohne die Sicherheit von ausgetretenen Pfaden, ohne Karte und Kompass und ohne Satellitentelefone. Alleine der Gedanke

Strikers Paß, im Umkreis von 50 Km ist hier kein Mensch

Strikers Paß, im Umkreis von 50 Km ist hier kein Mensch!

an die Tour machte mich unruhig. Es fühlte sich nach dem nächsten Schritt an.
Was soll ich sagen? Ich habe es geschafft und wurde mit vielen intensiven Erlebnissen belohnt!

Erst wollte ich ohne Gewehr losziehen, aber nachdem ich mit ein paar Einheimischen gesprochen hatte, poppten überall die wildesten Abenteuergeschichten auf.

Geschichten von brunftigen Elchbullen, die einen für einen Rivalen halten und im dichten Buschwerk stumpf über den Haufen laufen. Elchbullen, die plötzlich nachts im Camp stehen und man nur beten kann dass sie einen nicht im Zelt zertreten und natürlich von Bären, die einen auf die Bäume scheuchen und dann noch versuchen dich wie einen reifen Apfel runter zu schütteln.
Vor so einer Tour sind solche Geschichten natürlich absolut hilfreich und aufbauend. Ich habe mich dann doch entschlossen mein Gewehr mitzunehmen.

Auf zum Striker Pass und Moosrack Valley

Plötzlich ist sie da! Eine Elchkuh mit ihrem Kalb

Plötzlich ist sie da! Eine Elchkuh mit ihrem Kalb

Für die erste Etappe, 15 km durch ein Seengebiet, nahm ich ein kleines Motorboot. Dann ging es zu Fuß auf Elch- und Cariboupfaden ab in die Berge. Auf den Pfaden fand ich Spuren von Dallschafen, Schneeziegen, Bären, Wölfen und Vielfraß. Oberhalb der Baumgrenze hatte ich eine fantastische Weitsicht auf die bunten Täler und Berggipfel. Die Pappeln, Weiden und Zwergbirken trugen ihre schönsten Feuerkleider, überall gab es reife Beeren und auf den höchsten Gipfeln lang schon erste Schnee. Dazu noch die Stille, einfach wunderbar. Das Wetter änderte sich oft. Von Sonnenschein über leichten Schneefall bis zu frostigen Nächten war

Kommt man einer Elchkuh mit Kalb zu nahe können sie angreifen

Kommt man einer Elchkuh mit Kalb zu nahe, können sie angreifen

alles dabei.
Dann hatte ich tatsächlich das große Glück den riesigen Elchen zu begegnen. Nachdem ich einige Male Brunftrufe imitiert hatte, tauchte am gegenüberliegenden Hang eine Kuh mit Kalb auf und steuerte direkt auf mich zu. Jetzt war doppelte Vorsicht geboten. Einerseits vor der Kuh, denn Elchkühe können schon mal angreifen wenn man ihren Kälbern zu Nahe kommt. Anderseits: wo eine Kuh ist, ist um diese Zeit auch ein Bulle. Mit brunftigen Elchbullen ist auch nicht zu spaßen. Und da war er auch schon. Keine 2o Meter von mir entfernt kam ein schöner Bulle lautlos, wie aus dem Nichts, aus dem Busch! Er witterte die Kuh und begann zu rufen.

Ein brunftiger Elchbulle folgt dem Geruch und den Rufen der Elchkuh

Ein brunftiger Elchbulle folgt dem Geruch und den Rufen der Elchkuh

Alter Falter, was für eine Energie steht da in der Luft wenn diese mächtigen Tiere ihre Stimme erheben. Vor lauter Brunftenergie hatte der Bulle mich nicht bemerkt und trabte direkt zu der Kuh rüber. Das war der Kuh aber anscheinend zu nahe, sie nahm ihr Kalb und verschwand Richtung Tal. Der Bulle direkt hinterher. In der folgenden Nacht und am frühen Morgen hörte ich noch einen zweiten Bullen rufen.
Am nächsten Tag hoffte ich wieder den Elchen zu begegnen, aber leider bekam ich außer ihren Kotpillen und den zerschlagenen Büschen von brunftigen Bullen nichts zu sehen. Dafür sah ich über den Berggipfel vier Steinadler kreisen und schoss mein erstes Blauhuhn. Mensch, war das lecker.

Weißes Schaf und Schwarzer Bär

Und dann kam der absolute Knaller: Im Inneren war ich unzufrieden, mir fehlte etwas, ein Schritt, eine Erfahrung. Ich wusste nicht genau was. Aber als ich am Lagerfeuer saß und darüber nachsinnte wurde das Gefühl greifbarer. Ich bat den großen Geist mir eine weitere kraftvolle Tierbegegnung zu schicken. Ich spürte ich bin soweit einen Schritt weiterzugehen. Ich wusste aber auch, dass wenn ich eine solche Bitte ausspreche, es knifflig werden kann.

Eine Schneeziege ( Mitte) mit ihrem diesjährigen Kalb (Links) und ihrem vorjährigen Kalb (Rechts

Eine Schneeziege ( Mitte) mit ihrem diesjährigen Kalb (Links) und ihrem vorjährigen Kalb (Rechts)

Die Ziegen fühlten sich von mir nicht bedroht. Entspannt lagen sie in der Sonne

Die Ziegen fühlten sich von mir nicht bedroht. Entspannt lagen sie in der Sonne

Und so kam es dann auch. Als ich auf dem Weg runter ins Tal war sah ich drei wunderschöne weiße Schneeziegen. Ich schaffte es schließlich auf 30 m an sie heranzukommen. Die Ziegen, ein Mutterschaf mit Kitz und ihrem Jährling vom Vorjahr, waren, nach dem sie mich gecheckt hatten, so relaxt, dass sie sich hinlegten und sonnten. Über 30 min schaute ich ihnen bei ihrem friedvollen Treiben zu und konnte super klasse Fotos im herbstlichen Bergwald machen. Die Situation war so entspannt, dass ich kurz überlegte mir ein kleines Nickerchen zu gönnen. Zum Glück bin ich dem nicht nachgegangen!

Die Ziegen sind Nervös und schauen zu mir rüber. Hier stimmt was nicht! Vor wem oder was haben sie Angst

Die Ziegen schauen nervös zu mir rüber. Hier stimmt was nicht! Vor wem oder was haben sie Angst!

Ein paar Minuten späten sah ich, dass alle Ziegen plötzlich ihre Rückenhaare aufstellten und zu mir rüber starrten. Das war ein starkes Zeichen der Nervosität. Ich hatte mich aber kein Stück bewegt, ich konnte also nicht der Grund ihrer Aufregung sein. Ihre Unruhe wurde immer stärker. Bis sie schließlich aufstanden, sich völlig aufplusterten, nervös auf der Stelle traten und intensiv zu mir rüber schauten. Ihre Unruhe ergriff mich und ich suchte nach dem Auslöser ihrer Unruhe. Dann schoss es mir durch den Kopf: wenn die Ziegen in meine Richtung schauen und nicht mich meinen, dann muss etwas hinter mir sein. Da ich flach auf dem Boden lag stützte ich mich auf meinen Ellenbogen und drehte mich um. Da stand plötzlich ein großer schwarzer Brocken und starrte mich aus kleinen Augen an. Weniger als 4 Meter hinter mir stand ein dicker Schwarzbär.
Beim Rumdrehen sah ich wie sein Maul sabberte und er im Begriff war im tiefen Schleichschritt weiter auf mich zuzukommen. Ähnlich wie bei einer

Meister Petz macht sich ab und wirft nochmal einen Blick auf die Schneeziegen die mich gewarnt haben

Meister Petz machte sich ab und warf nochmal einen Blick auf die Schneeziegen die mich gewarnt hatten

anschleichenden Katze, die kurz vor dem finalen Sprung ist.

Mein Hirn konnte nicht verstehen was gerade passiert, wer da gerade steht, wie er heißt und was er dort macht. Mein Instinkt war schneller. Langsam und völlig entspannt richtete ich mich mehr auf und sagte mit klarer und ruhiger Stimme: Mach dich bloß ab! In mir war nichts als Stille. Der Bär stoppte augenblicklich und schaute mir in die Auge. Dann drehte er sich auf dem Absatz rum und machte drei Sätze den Berg hoch. Als er nochmal kurz stehen blieb und zurück schaute, hob ich meine Kamera und machte tatsächlich noch zwei Fotos!

Mit schnellen Schritten verschwand der dicke Schwarzbär im Busch

Mit schnellen Schritten verschwand der dicke Schwarzbär im Busch

Das letzte was ich von ihm sah war sein großer Hintern wie er den Hang hochwackelte.

Nachdem der Bär weg war spürte ich mein tiefes entspannt sein, kein zittern, keine nervösen Bewegungen. Ich war völlig klar. Immer wieder stellte ich mir die Situation vor. Wie ich die Körpersprache der Ziegen gelesen habe, wie ihre Nervosität auf mich übersprang und ich dem Bären in die Augen schaute. In manchen Vorstellungsversionen hatte der Bär sogar neben seiner sabbernden Schnauze noch ein Lätzchen um. Ich war so froh, dass ich einfach laut loslachen musste. Immer wieder musste ich mir den Satz sagen: Mach dich bloß ab!
Mein Wissen über die Vogelsprache und über die Körpersprache der Tiere, hatte mich gerade noch rechtzeitig gewarnt und vor schlimmeren bewahrt!
Ein kurzer Geistesblitz tauchte auf. Ein Teil aus einer Traumreisen wurde wieder sichtbar: Weißes Wesen (Ziege) und Schwarzes Wesen (Bär) treffen sich. Das Helle kämpft mit dem Dunklen, nein, sie tanzen miteinander, sie wissen voneinander und verschmelzen. Die Angst vor dem Dunklen ist verschwunden. Die Kraft, die dort gebunden war wird frei. Schwarz und Weiß sind jetzt im Austausch und in dieser Form gibt es sie nicht mehr.
Mit diesen Erlebnissen wurde ich reich beschenkt. Ich sehe meine Stärken und meine Grenzen. Mein innerer Krieger und mein weiser Alter sind wieder ein Stück gemeinsam gegangen.

 

 

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

  • Reisen

  • Vogelsprache-Bibliothek

  • Archiv