Das gefallene Vogelnest

29. April 2014 Spuren lesen

Geschrieben von Gertrud Welker-Weissmann

……ist deine erste Frage auch gleich: von wem ist dieses NestKONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA?

Wenn du gleich die Antwort erhalten würdest, wären deine Fragen da schon zu Ende?

Doch lass mich zuerst die Geschichte dieses Nestes erzählen und wie es zu mir kam, denn normalerweise schaffe ich es nicht, selbst so etwas Wundervolles herzustellen.

Ich nahm es mit und es ging mir nicht gut dabei. Nicht, weil ich es in meinen Besitz brachte, sondern weil ich mich bei den eigentlichen Nestbesitzern mit dieser Geschichte entschuldigen wollte. Das Nest wäre sonst sinnlos gebaut worden.
Mit dieser Geschichte möchte ich dich den Weg des Forschens und der Achtsamkeit führen und dich zum Nachdenken anregen. Über Geschichten, die das Leben schreibt.

Geschichten, an denen wir manchmal schnell vorübergehen, weil wir sie in unserer Unachtsamkeit nicht einmal wahrnehmen (oder auch schnell abhaken, weil wir schon wieder zum nächsten Punkt übergegangen sind).

Schaust du dir das Nest  – nun plötzlich noch neugieriger geworden –  nochmal genauer an? Siehst du die Größe, das verwendete Baumaterial, die Form… – was erkennst du noch? Wenn du genauer hinsiehst, bist du auf Spurensuche und beginnst vielleicht ebenso wie ich eine Geschichte zu weben, genau so, wie die Nestbauer alles zu einem runden Ganzen verwoben hatten. Wenn du genauer hinsiehst, kannst du sogar Rückschlüsse ziehen auf die Umgebung in der das Nest gebaut wurde.
Als Hilfestellung beschreibe ich dir, wie ich die Umgebung mit Menschenaugen sah: Ein Kiefernwald am Stadtrand; Birken am Straßenrand durch dieses Waldstück; Industrie und Pferdekoppeln. Kannst du das Bild, das ich mit diesen wenigen Worten beschrieb in diesem Nest finden?

Ich denke, plötzlich siehst du noch genauer hin und auch wenn du immer noch auf Spurensuche bist, WEM nun dieses Nest ursprünglich gehörte, so beginnst du sicher zu sortieren. Was ich damit meine? – ja, zum Beispiel, dass dieses Nest nicht von einem Wasservogel stammt und sicherlich nicht von einem Zaunkönig ist. Du beginnst also zu sortieren und auszugrenzen und damit einzukreisen.
Auf genau diesen Weg möchte ich dich führen. Dass du nicht vorschnell eine Antwort zu wissen meinst und mit dieser Antwort aufhörst zu forschen. Ich möchte dir zeigen, dass es oft gar nicht so wichtig ist, sofort EINEN Namen, EINE Bezeichnung zu wissen. Wenn du genauer hinsiehst und wenn du alles was du wahrnehmen kannst miteinander verwebst… wirst du eine Antwort finden, die durch viele Fragen entstanden ist. Denn,die Antwort auf eine Frage auf Forscher- und Beobachter-Wegen zu finden, erfordert zwar oft mehr Zeit, jedoch wird die Antwort dich weiter bringen, weil du dir selbst viele Fragen dazu gestellt hast.

Mir ging es zumindest so; und bei diesem suchendem Forschen ging es mir plötzlich gar nicht mehr so sehr um die Antwort der einen Frage (von wem…?). Mir wurde bei meinem Nachforschen und der Geschichte zu diesem Nest vieles gezeigt, was mich traurig aber auch wieder dankbar stimmte.

Zum Beispiel, dass wir Menschen oft sehr unachtsam sind in unserem Tun aber doch oft etwas tun müssen, was wir nicht immer in 100%tiger Achtsamkeit in jeder Richtung erledigen können. Oder auch, dass wir mit unserem Tun oft vieles bewegen und wir nicht immer warten können bis die natürliche Ordnung von selbst sich verschiebt, denn Leben ist Bewegung und Veränderung.

Und auch wenn wir uns manchmal mit mehr Achtsamkeit, Bewusstheit und Geduld bewegen sollten, so besteht Leben letztendlich aus Werden und Vergehen und jedes Lebewesen trägt zu Veränderungen bei.

 

Doch nun die Geschichte.

Ich durfte als Waldbesitzerin an einem Kurs -„richtiger Umgang mit der Motorsäge, richtiges Fällen und Abasten“ – teilnehmen.

Dies kann man natürlich nur lernen, indem man es tut und so stand ich mit anderen Schutzausrüstung-Eingekleideten Mitte März 2014 in einem Kiefernbestand. Für benanntes Lernen müssen wohl oder übel Bäume fallen; um Bretter herzustellen und auch um den Wald im Bestand gut zu erhalten. Selektive Durchforstung, kein Kahlschlag; es galt, die Fällrichtung genau zu berechnen, damit der Abtransport mit Pferd und Traktor über den zugewucherten schmalen Weg leichter machbar ist;  es galt, auf schnalzende Äste, splitterndes Holz, dürre Äste, neugierige Hunde-Gassi-Geher …und so vieles mehr zu achten; es galt, die Säge sicher zu bedienen bei der Handhabe, beim Fällen, Abasten, Ablängen… und in Pausen über die derzeitige Wald-Wirtschaft zu diskutieren.

Ich ging nicht gedankenlos in den Wald, was eh nie gut ist, wenn man so gefährliche Arbeiten verrichtet. Mir war bewusst, dass die Bäume schon „im Saft“ standen nach diesem milden Winter, mir war auch bewusst, dass viele Vögel noch früher als nach kalten Wintern mit Brut und Aufzucht begonnen hatten. Ich stellte noch die Frage: was, wenn ein Greifvogelhorst in der Krone versteckt ist ….? … – aber da war es schon zu spät. Unter zehn Bäumen war eine mistelbewachsene kronenlastige Kiefer gefallen, die sich ein Vogelpaar auserkoren hatte.

Unsere lärmende Gruppe hatte dies nicht mitbekommen. Erst in der Mittagspause fiel mir auf, dass immer wieder ein Vogel über uns flog. Kreiste, spähte, wegflog, wiederkam. Waren es zwei? Oder noch mehr? Ich ging zurück zu den gefallenen Bäumen und sah mir noch einmal die Baumstümpfe an. Nahm wieder den Vogel in der Luft wahr. Wir hatten an einer Stelle mit einer kleinen Lichtung begonnen, diesen Baum steuerte ich als erstes an; einer Eingebung folgend und befürchtend, dass diese Lichtung eine gute Einflugschneise gewesen sein könnte. Ich staunte, als ich die großen Misteln an den Zweigen der Baumkrone sah und ich war erschüttert als ich dieses Nest zwischen all den Misteln, Nadeln, Zweigen und Ästen wahrnahm.

Plötzlich durchzuckte es mich: war es als der Baum noch stand genau so leer gewesen, wie es jetzt in diesem Gewirr am Boden lag? Ich begann zu suchen und hoffte, kein Küken zu finden. Diese Hoffnung wurde erfüllt, aber ich fand ein Stück einer grünlichen Eierschale die auf der Innenseite rötlich verschmiert war.
O weh, waren die Eier wirklich nur angebrütet gewesen, also alles noch ziemlich am Anfang der Brut?

Ich suchte weiter und mir gingen dabei viele Gedanken durch den Kopf: Wie spricht man einen Vogel an, uns lärmenden Menschen mitzuteilen, dass wir gerade dabei sind von ihm etwas zu zerstören? Kann man einem Baum ansehen, dass er so ein großes Nest beherbergt? Hätten wir all das vor mir Liegende vermeiden können?

Bei äußerster Achtsamkeit – würde ich sagen – ja, es wäre möglich. Und dies wäre dann ein wirklich selektives Nutzen von uns geschenkten Ressourcen unter Beachtung der Zeichen, die uns gegeben werden. Leider sind wir nicht immer und nicht zu jeder Zeit voll präsent.
Würden wir uns wirklich Zeit und achtsame Beobachtung nehmen, könnten wir Zerstörung gering halten. Wir könnten in einem zeitigen Frühjahr Fäll- und Schnittarbeiten wirklich in den Wintermonaten erledigen und dann wieder Ruhe einkehren lassen. Im Winter vertreibt man vielleicht nur eine Misteldrossel, später im Jahr gibt es eben schon Nester in Bäumen und Büschen.

Wir könnten wahrnehmen, dass es eine Einflugschneise gibt, dass ein Vogel immer wieder aus einer bestimmten Richtung anfliegt und eventuell ansitzt; wir könnten wahrnehmen dass er um einen Partner wirbt, oder eventuell schon baut oder schon mehr eine bestimmte Ecke bewacht.
Wir könnten wirklich oft Vieles immer noch achtsamer und bewusster tun, als wir es tun.

Noch einmal sah ich die mir bekannte Silhouette über mir und ich entschuldigte mich. Und mir kam der Gedanke, dass ich mein Erlebnis in diese Geschichte packen werde, damit all das nicht ganz umsonst gewesen war. Für diese Geschichte nahm ich das Nest und die Eierschalen mit und forschte weiter, ob meine Vermutung richtig war.

Meine Vermutung, dass diese drei Dinge – die Silhouette, die Eierschalen und das Nest –  wirklich zusammen gehören.

Was meinst du?

 

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